Erfahrungsbericht


    "Guck jetzt nicht hin!" - Erfahrungsbericht einer Spinnenphobikerin
    Ein Bericht von Bea Trogand (29.07.03)

    Guck’ jetzt nicht hin .... aber da sitzt eine Spinne!

    Wer Angst vor Spinnen hat, wird wissen, welche Reaktionen diese nett gemeinte Warnung von Freunden bei Arachnophobikern auslöst. Schweißausbrüche, Schreien oder auch stummes Entsetzen, Herzrasen, spontaner Fluchtreflex, Zittern, Übelkeit und sogar Weinkrämpfe, wenn der Feind im eignen Waschbecken oder an der Schlafzimmerwand hockt.
    Die wärmere Jahreszeit "genießt" unsereine/r mit Maschegittern vor allen häufiger geöffneten Fenstern, Spinnenphobiker verschließen ihre "ungesicherten" Fenster auch dann, wenn sie nur für zwei Minuten den Raum verlassen müssen. Selbst Blumenkästen mit blühenden, schön anzusehenden Sommerblumen sind ein Risiko, es könnten sich immerhin Spinnen darin oder darunter niederlassen, und diese könnten einen unbeobachteten Moment nutzen, um ins Zimmer zu kriechen.
    Dunkelheit, Feuchtigkeit, bröckeliges Mauerwerk, dunkle Spalten, Ritzen, Keller, Efeu, dichte Bodenpflanzen, Nische, Versteck - all das assoziieren wir mit Spinnen und meiden derlei tunlichst.

    Ich habe einen über 30 Jahre langen "Leidensweg" als Spinnenphobikerin hinter mir. Viele, die diesen Erfahrungsbericht lesen, werden sich in ihm wiederfinden. Schon als 5jährige konnte ich nicht einschlafen, ohne dass die ganze Nacht über ein kleines Licht in meinem Kinderzimmer brannte. Ich hatte furchtbare Angst, dass eine Spinne nachts in die Nähe meines Bettes oder gar in mein Bett kriechen könnte. Als Erwachsene steigerte sich das zur echten Phobie. Gerade im Sommer schaltete ich oft zwei- bis dreimal pro Nacht das Deckenlicht in meinem Schlafraum ein, um diesen akribisch nach Spinnen abzusuchen. Oft ist ein "Spinnentraum" oder ein diffuses Gefühl der Anwesenheit eines dieser Geschöpfe, das ich einfach nicht los werden kann, der Anlaß dafür. Passionierte Spinnenphobiker kennen das: befindet sich irgendwo im Raum eine Spinne, und sei sie auch noch so winzig oder gut versteckt, wirst du sie entdecken! Das ist sogar schon wissenschaftlich untersucht worden: Menschen, die unter Spinnenangst leiden, entdecken Spinnen in ihrer Umgebung eher, als andere. Ich konnte mich nie so richtig sorglos im Grünen aufhalten, meist bat ich Freunde, für mich Sachen aus dem Keller zu holen.

    So ergeht es mir noch heute, allerdings kenne ich jetzt Wege und Verhaltensregeln, die mir helfen, mich zu beruhigen und mit meiner Angst umzugehen. Ich möchte hier schildern, wie ich das geschafft habe:

    Ich drehte immer buchstäblich durch, wenn ich eine Spinne in der Wohnung hatte:
    Den Raum, in dem sie sich befand, hätte ich am liebsten verlassen und zur Quarantänezone erklärt, aber das ging nicht. Ich mußte ja dableiben und mich ihrer irgendwie zu entledigen versuchen. Wäre ich geflüchtet, hätte sich die Spinne möglicherweise unauffindbar verstecken können. Die Konsequenz wäre gewesen (was mir auch oft genug passiert ist), dass ich das entsprechende Zimmer nicht mehr allein hätte betreten können. So habe ich Nächte am Küchentisch sitzend verbracht, bis es zu einer zivilen Uhrzeit möglich war, Bekannte anzurufen, die für mich die Spinne suchten und nachweisbar, egal wie, beseitigten. Es war jedesmal ein furchtbares Dilemma: Fliehen oder kämpfen und die Spinne wegschaffen? Und wenn, wie? Einfangen? Töten? Ich habe stets versucht, möglichst keine Spinnen zu töten. Bei Weberknechten und Glasspinnen gelang mir das Einfangen mit einem Glas und einem Stück dickem Papier auch ganz gut. Leider waren (und sind) da noch die sog. Hauswinkelspinnen (Tegenaria atrica).
    Ja, genau DIE mit den dicken, grau-schwarzen Körpern und Beinen, die so ungemein gross werden können und so furchtbar schnell sind. Das Schlimmste an ihnen ist, dass sie sich so unvorhersehbar bewegen, ja manchmal nicht einmal wegzulaufen, sondern sogar auf einen zu zu rennen scheinen.

    Generell ging es beim Zusammentreffen mit Spinnen für mich um die reine Existenzfrage "die Spinne oder ich". Ich empfand die Tiere als eine solch immense Bedrohung, dass ich im Extremfall zu jedem verfügbaren Mittel gegriffen hätte, um sie zu beseitigen.
    Leider hat die Phobie meine Lebensqualität stark beeinträchtigt. Ohne die wirklich argen, psychischen Qualen, die ich besonders im Sommer erlitten habe, hier noch einmal im Einzelnen zu schildern, kann ich sagen, dass es der blanke Horror war. Und das über viele Jahre hinweg. Allein der zufällige Anblick einer Vogelspinne in einem "Geo"-Magazin oder einem Film im TV z.B. löste ein derart starkes körperliches Unbehagen aus, dass es mir im Nacken zu kribbeln begann und ich danach für mehrere Minuten, unter Umständen sogar Stunden lang nicht davon ablassen konnte, mir selbst ständig "über die Schulter zu schielen", spontan aufzuspringen und mich wie ein Hund zu schütteln, als säße da etwas auf mir.

    Irgendwann, nach einer besonders schlimmen Nacht, beschloß ich spontan, dass es so nicht weitergehen konnte und sollte. Ich begann im Internet zu surfen und alles über Spinnen zu lesen, dessen ich habhaft werden konnte. Dabei stieß ich auf sehr viele Seiten zum Thema Vogelspinnen: der Alptraum schlechthin für einen Menschen mit Spinnenphobie, denn sie sind riesengroß, behaart und absolut fremdartig. Ich lernte die Namen der Spinnen, ihre Lebensweise und ihren Körperaufbau kennen, das brachte mich ihnen etwas näher. Man fürchtet nicht so schnell etwas, das man gut kennt, das war mein Rezept, den nächsten Schritt zu wagen.

    Es bedurfte vieler Stunden im Internet, Gespräche mit (Vogel-) Spinnenkennern und Überwindung, bis ich mich entschloß, bei einem Händler unter Aufsicht den Versuch zu wagen und so ein Tier auf die Hand zu nehmen. Es war dann absolut faszinierend und überhaupt nicht schlimm. Die Spinne, eine ausgewachsene "mexikanische Rotknie-Vogelspinne" (Brachypelma smithi), war mit ausgestreckten Beinen ungefähr so gross wie eine Untertasse (also ZIEMLICH GROSS!). Sie fühlte sich überraschend leicht an, sie war weich und ihre Beine "tupften" auf meine Haut wie kleine, weiche Kissen, wenn sie sich bewegte. Es war ganz und gar nicht unangenehm, muß ich sagen. Wenn sie sich in den ganzen ca. 45 Minuten, die ich sie auf meinen Händen, Armen und sogar auf meiner Brust zu sitzen hatte, überhaupt bewegte, lief das mit einer Ruhe und Koordination ihrer acht Beine ab, die ich einfach nur beeindruckend fand. Letztendlich hatte ich mehr Angst, die Spinne aus Versehen fallen zu lassen (was aus dieser Höhe ihren sicheren Tod bedeutet hätte), als dass sie mir plötzlich an den Hals springen, zubeißen und mir irgend etwas zuleide tun könnte. Sie würde mir höchstens ihre juckenden Brennhaare entgegen geschleudert haben, hätte sie sich bedroht gefühlt. Ich habe extra eine Art gewählt, die sich durch diese Taktik des sog. "Bombardierens" verteidigt. Vogelspinnen sind sehr empfindliche Tiere, sie reagieren gestreßt auf Anfassen, hätte ich das vorher gewußt, hätte ich die Spinne auch nicht auf mir rumkrabbeln lassen. Aber der Händler wollte verkaufen, also hatte ich das Glück, so ein Riesenviech anfassen zu können und zu spüren, wie verletzbar es ist und seine Schönheit zu sehen.

    Ich habe festgestellt, dass die Furcht, wenn sie erst einmal ein gewisses Maß erreicht hat, nicht mehr steigerungsfähig ist. Die "Angstkurve" fällt zwangsläufig nach einiger Zeit ab, erreicht ein einigermaßen erträgliches Level und kann sogar noch weiter abfallen, wenn man das, was man über Spinnen gelernt hat, repetiert, es quasi wie ein Mantra herunterbetet und sich immer wieder vor Augen führt. Vertieft man sich in das "Gute/Harmlose" das man über Spinnen gelernt hat und sagt ganz bewußt (und in meinem Fall auch laut), dass sie einem nicht gefährlich werden können, weil... dann kann man die Begegnung mit einer Spinne in den Griff bekommen und das Tier wegschaffen, ohne ihm unnötig Leid zuzufügen.

    Nochmal: man kann durchaus auch eine Begegnung in den eigenen vier Wänden meistern, ohne dass der Mensch oder die Spinne Schaden nimmt!!!

    Nicht lange danach besuchte ich eine Terraristik-Börse und kam mit Spinnenfreunden ins Gespräch. Die Idee, mir selbst eine Vogelspinne anzuschaffen, reifte danach relativ schnell zum Entschluß, und bald hatte ich eine Vogelspinne bei mir zuhause, in einem Terrarium (freilich durch ein extra Schloß gesichert), mitten in meinem Zimmer.

    Ich habe eine typische Anfänger- und besonders friedliche und gut zu beobachtende Art gewählt, die für Einsteiger ein geringes Risiko, etwas verkehrt zu machen und die Spinne u. U. aus mangelnder Sachkenntnis umzubringen, birgt. Eine Spinne ist ein Lebewesen, mit Bedürfnissen und Eigenheiten, für dessen Wohlergehen ich die Verantwortung übernehme, sobald ich es erwerbe. Also werde und muß ich alles tun, damit es diesem Tier bei mir gut geht. Auch das ist übrigens eine gute Methode, sich von seiner Spinnenangst zu befreien.

    Thelma, so heißt meine kleine (ca. 1 Jahr alte und 2,8 cm Körperdurchmesser aufweisende subadulte, d.h. noch nicht geschlechtsreife) Spinne, ist schon zu einem festen Bestandteil meiner täglichen Rituale geworden. So beziehe ich sie in mein Leben ein und gewöhne mich an ihren Anblick und die Tatsache, dass sie immerhin eine SPINNE ist. Ich beobachte sie und tausche mich mit erfahrenen Spinnenhaltern im Internet aus.
    Manchmal denke ich noch, dass ich verrückt gewesen sein muß, mir "den Feind" ins Haus zu holen, ich habe auch noch immer Alpträume mit Spinnen, die jedoch so allmählich eine Wandlung erfahren. Ich bin in diesen Träumen zunehmend selbst aktiv und wende z. B. mein neues Wissen an, um Spinnen anzufassen und zu entfernen, über sie oder sogar mit ihnen zu kommunizieren; und wenn ich aus einem solchen Traum erwache, bin ich nicht mehr vollkommen gelähmt wie früher und getraue mich nicht zu atmen oder mich gar zu bewegen vor lauter Angst. Ich wache auf und schaue auf Thelmas Terrarium, manchmal setze ich mich daneben und gucke, was sie so treibt. Da sie ja nachtaktiv ist, hoffe ich jedesmal, sie beim Trinken, Fressen, Putzen oder gar Häuten zu beobachten.

    Meine Spinnenangst beruht auf irgendwelchen verborgenen Ängsten oder Erlebnissen, die ich heute nicht mehr nachzuvollziehen in der Lage bin, und ich weiss - wie jeder Arachnophobiker - dass sie eigentlich vollkommen unbegründet ist. Es gibt, meiner Meinung nach, nur einen Weg, sie einigermaßen in den Griff zu bekommen oder gar los zu werden:

    Man beschäftige sich eingehend mit dem "Angstobjekt Spinne"; lerne soviel wie möglich über sie, schaue sich Dokumentationen im TV an, Bilder und Beschreibungen im Internet, leihe sich Bücher in der Leihbibliothek und kommuniziere mit Leuten, die Spinnen mögen und sich bestens mit ihnen auskennen.

    Und: wenn man unerwartet eine Spinne antrifft, die einem Angst macht - erst mal nichts tun, abwarten und sie im Auge behalten, bis sich der Puls wieder beruhigt hat. Nach einigen Minuten kann man langsam auf die Spinne zu gehen und versuchen, sie sich genauer anzugucken. Generell gilt bei Spinnen: keine plötzlichen oder hastigen Bewegungen! Es sind eigentlich eher schreckhafte Tiere, die auf Bedrohungen häufig mit Flucht reagieren. Wenn man sich dem stellt und nicht davonläuft oder versucht, die Spinne nicht unter allen Umständen zu töten, kann man sie gut beobachten und sie wird ruhig an ihrem Platz verharren. Wenn du dich ruhig verhältst, wird sich auch die Spinne ruhig verhalten, sie wird nicht aus lauter Angst etwas tun, das dich wiederum in Panik versetzt! Dann kann man sie, mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen, gut in einem Glas einfangen. Man klopft an das Glas und die Spinne krabbelt nach oben; dann schiebt man schnell ein Stückchen dünner Pappe oder dickes Papier (bestens geeignet sind Pizza-Lieferservice Werbungen) unter das Glas und trägt die Spinne nach draussen. Dabei kann man sie sich noch eine Weile lang gut angucken, sofern man die Nerven dazu besitzt. Dann setzt man die Spinne ins Freie und tippt sie evtl. noch ein bißchen an (auf den Boden klopfen reicht, Spinnen nehmen feinste Vibrationen in ihrer näheren Umgebung wahr), damit sie sich möglichst weit vom Einstiegsfenster entfernt. Sie wird ganz schnell davonlaufen und nichts weiter im Sinn haben, als sich in Sicherheit zu bringen, garantiert! Es gibt auch sog. "Spinnengreifer", die die Tiere nicht verletzen, man kann sie im Internet bestellen.

    Ich empfehle allen Spinnenphobikern aus eigener Erfahrung, sich erst mal über Anatomie und Lebensweise heimischer Spinnen sachkundig zu machen. Dann erscheint einem schon so manche Kreuzspinne oder Weberknecht mehr als Studienobjekt, denn als furchteinflössendes Monstrum. Selbst schlimme Spinnenphobiker wie ich werden keinerlei Ambitionen mehr haben, diese Tiere zu töten. Es ist sogar möglich, sich ein Stück weit in ihre Welt zu begeben, sie ein bißchen kennenzulernen und zu achten. Möglicherweise entdeckt man dabei sogar eine Faszination, die einen nicht mehr losläßt und man "mutiert" vom Phobiker zum "Spinner".
    Wie gesagt: Es ist möglich! Ich bin der lebende Beweis.



    Autorin: Bea Trogand