Erfahrungsbericht


    Geschlechtsbestimmung bei Vogelspinnen
    Ein Bericht von Astrid Hilbert

    Oft werde ich gefragt, wie man das Geschlecht einer Vogelspinne bestimmen kann - und ab welcher Größe des Tieres dies möglich ist.

    Viele Einsteiger kaufen (leider) ihre erste Spinne in einer Zoohandlung, fragen nach dem Geschlecht und bekommen keine Antwort, da die Exuvien (Häute) meist nicht untersucht werden, oder sie bekommen zu hören: "Ach, das ist ein Weibchen, ganz sicher!". Böcke verkaufen sich aufgrund ihrer geringen Lebenserwartung logischerweise nicht sehr gut und daher wird das Geschlecht oft verschwiegen. Ich habe auch schon gehört, dass adulte Männchen (also mit bereits ausgebildeten Bulben) als Weibchen verkauft wurden - offenbar hatte der Verkäufer schnell bemerkt, dass der Kunde total unerfahren war.

    Zuerst sollte man sich bewußt sein, dass man mit bloßem Auge bei einem subadulten Tier das Geschlecht definitiv nicht bestimmen kann. Viele sagen, Böcke sind schlanker, kleiner und haben längere Beine, aber auch das ist relativ und kommt eher einer 50:50 Chance gleich.

    Eine männliche Vogelspinne bildet erst mit der finalen, sogenannten Reifehäutung die Geschlechtsorgane aus. An den Tastern bilden sich dann die Bulben, einige Vogelspinnenarten haben zusätzlich Schienbeinhaken (Tibiaapophysen) am ersten Beinpaar. Diese Merkmale sind dann mit bloßem Auge zu erkennen. Die Reifehäutung ist die letzte Häutung im Leben eines Bockes, im Gegensatz zu adulten Weibchen, die sich weiterhin etwa jährlich häuten, wird sich eine männliche Vogelspinne nun nicht mehr häuten und auch nicht mehr lange leben (die Lebenserwartung nach der Reifehäutung variiert von einigen Monaten bis wenigen Jahren, je nach Art und Gattung). Wobei ich an dieser Stelle gern meinen "Methusalem" erwähne, ein Pamphobeteus nigricolor- Männchen, das 3,5 Jahre ab der Reifehäutung bei mir lebte.

    Hat ein Bock seine Geschlechtsreife (= Reifehäutung) noch nicht erreicht, ist er rein äußerlich nicht von einem weiblichen Tier zu unterscheiden. Nur eine Untersuchung der Exuvie bringt Aufschluß über das Geschlecht des Tieres.

    Man kann bei einem semi-adulten Tier also nur auf die Aussage des Verkäufers vertrauen - und dies nach der nächsten Häutung selbst überprüfen.

    Wie kann man eine Exuvie untersuchen?

    Zuerst sollte man die Haut in einer flachen Schale mit Wasser und wenigen Tropfen Geschirrspülmittel einweichen - oder mit Hilfe von Dampf geschmeidig machen. Hierzu füllst Du einen Topf etwa halbvoll mit Wasser und erhitzt ihn. Darüber spannst Du ein Tuch (Geschirrhandtuch o.ä.) und bindest es mit einem Stück Faden oder einem Gummiband am Topfrand fest. Auf das Tuch legst Du die Exuvie und läßt sie etwa 10 Minuten im Dampf aufweichen. Die Haut wird so geschmeidig und kann dann besser bearbeitet werden - ohne diese "Behandlung" würde sie zu leicht reißen und brechen. Nach dem Einweichen suchst Du die Abdominalhaut, diese ist meistens ziemlich zusammengequetscht oder aufgerollt. Sie ist meist noch mit dem unteren Rand der Exuvie verbunden, so wie auf diesem Bild:



    Die Abdominalhaut muß nun ganz vorsichtig mit einer Nagelschere o.ä. direkt am Rand abgetrennt und vorsichtig "auseinander gefaltet" werden. Die Haut kann nun unter einem Mikroskop, Binokular oder mit Hilfe einer starken Lupe untersucht werden.



    Auf der Innenseite der Abdominalhaut siehst Du die vier Buchlungen, zwischen dem ersten (oberen) Lungenpaar findest Du eine Furche (Epigastralfurche genannt) - bei einem Männchen ist diese nur ein schmaler Strich - bei einem Weibchen jedoch befindet sich hierin die Spermathek. Sie ist fest (wie ein Stück Folie) und läßt sich mit etwas Geschick und Übung herauslösen.

    Spermatheken können sehr unterschiedlich aussehen (z.B. ein- oder zweiteilig), sie stellen auch ein wichtiges Kriterium bei der Artbestimmung dar. Hier einige Beispiele:

    <= Spermathek von A. seemanni
    Spermathek von A. velutina =>
    <= Spermathek von B. boehmi
    Spermathek von B. smithi =>


    Wenn Du keine Spermathek findest, ist Deine Vogelspinne männlich und wird bei der Reifehäutung seine Bulben an den Tastern ausbilden.

    Ab wann kann man eine Geschlechtsbestimmung vornehmen?

    Das hängt auch ein wenig von den Materialien ab, die einem zur Verfügung stehen. Besitzt man ein Binokular (und etwas Übung) kann man sicherlich schon sehr früh eine Bestimmung vornehmen, ansonsten gelten 2,5 bis 3 cm Körperlänge als Faustregel für eine sichere Bestimmung mit einer guten Lupe.

    Der eine oder andere mag die Bestimmung anders durchführen oder andere Kriterien als Maßstab nehmen, ich schildere hier nur meine eigenen Erfahrungen, gehe wie oben beschrieben vor und habe bei all meinen Spinnen ab 2 cm Körperlänge das Geschlecht korrekt bestimmen können. Auf dem Foto siehst Du mein Equipment:



    Wer sich näher mit der Geschlechts- und Artbestimmung von Vogelspinnen beschäftigen möchte, dem empfehle ich den Besuch entsprechender Seminare, welche regelmäßig von der Deutschen Arachnologischen Gesellschaft (
    www.dearge.de) veranstaltet werden. Die Kurse sind sehr lehrreich und ich kann sie nur empfehlen (und Riesenspaß in der Gruppe macht's außerdem).


    Autor:
    Astrid Hilbert